„Abergläubisch zu sein ist dumm – aber es nicht zu sein, bringt Unglück.“
Schauspieler & Regisseur Eduardo de Filippo (*1900 †1984)
Sieht aus wie eine rote Chili. Tatsächlich ist Neapels traditioneller Glücksbringer, das Cornicello ein Horn. Das soll den „bösen Blick“ abwenden. Steif, hohl, krumm und spitz muss der Glücksbringer sein, damit er wirkt, so heißt es.
Wichtig: Man muss das Cornicello oder Curniciello (wie es korrekt auf Neapolitanisch heißt) auf geschenkt bekommen…

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Die Schriftstellerin Matilde Serão (*1858 †1927) definiert das Hörnchen als die „unheilbare Krankheit der Neapolitaner“: Bevor man das Haus verlässt, reibt man am Cornicello in Neapel, vor dem ersten Date, einem wichtigen Arztbesuch und vor wichtigen Geschäftsterminen sowieso.
Kaufleute haben es in ihren Läden hängen, andere an ihrem Rückspiegel im Auto. Aber die wenigsten bestätigen öffentlich, dass sie an die Kraft ihres Curniciello (neapolitanisch) glauben.

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Der „böse Blick“ ist ein seit mehr als 3.000 Jahren verbreiteter Aberglaube: Laut dem kann dir eine andere Person (mit entsprechenden Fähigkeiten) nur mittels Blick Schaden zufügen, heißt es. In Neapel wird der Träger des bösen Blickes der Jettatore gennant. (Aus diesem Grund nannte Volkswagen übrigens sein Modell „Jetta“ in Italien „Golf“.)
Bis heute kann der Ruf, ein Jettatore zu sein, Karrieren zerstören. Schmusesänger Marco Masini (57, Gewinner Sanremo 2004), der meist melancholische, traurige Lieder singt, wird anfangs mal aus „Spaß“ als Jettatore bezeichnet. Der „Spaß“ verselbstständigt sich, eskaliert so schlimm, dass sich Masini gut ein Jahr aus der Öffentlichkeit zurückzieht.
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Dabei ist das Dasein als „Jettatore“ früher sogar mal eine Art Geschäftsmodell in Neapel: Ein professioneller „Überbringer des bösen Blicks“ geht mit unheimlichem Gesichtsausdruck durchs Geschäft und stellt sich so lange vor die Schaufenster-Scheibe, bis er eine „Spende“ bekommt.
Das Horn als Zeichen der Stärke
Die Geschichte des roten Cornicello aus Neapel beginnt tatsächlich vor gut 4000 Jahren. Der Mensch entwickelt sich zu der Zeit vom Jäger und Sammler zum Hirten und Bauern. In der Jungsteinzeit gilt ein (Tier-) Horn als Zeichen der körperlichen Stärke.

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Die Römer fokussieren sich 2000 Jahre später auf die gewisse Penis-Ähnlichkeit des Cornicello. Sie schreiben dem Symbol neben Stärke auch Männlichkeit und Fruchtbarkeit zu. Wohlstand ergibt sich für den Träger quasi automatisch.
Hype im Mittelalter
Im Mittelalter erlebt das Cornicello aus Neapel seinen ersten Hype. Die Menschen sind abergläubisch, stehen auf Amulette und Ähnliches. O curnicello ist besonders beliebt – Stärke, Fruchtbarkeit, Männlichkeit und Wohlstand. Was will man(n) mehr.
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Neapolitanische Handwerker beginnen das Horn aus Koralle herzustellen. Die verfügt angeblich über besondere Kräfte: Eine Koralle kann laut Volksglaube sogar vor dem bösen Blick einer Schwangeren schützen – und der ist besonders machtvoll. Korallen sind außerdem rot – ein Zeichen für Blut und Feuer, Symbole der Macht und des Lebens.
Der Erfolg ist seitdem quasi ungebrochen. O Curniciello lässt tief in die neapolitanische Seele blicken. Ein bisschen Religion, ein bisschen Volksglaube – kein Widerspruch und unglaublich faszinierend…
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geschrieben von Pietro Perroni, zuerst veröffentlicht am 7. Juli 2022
Titelbild / Montage – Foto: onairda/Getty Images via canva





