Ein Aperitivo im Kanal in Mailand. Foto: V. Drozdova auf. Pexels.com
Es ist 18 Uhr in Mailand, Bologna, Palermo. Die Büros leeren sich, die Bars füllen sich.
Irgendwo zwischen Feierabend und Abendessen passiert etwas, das die Italiener seit mehr als 200 Jahren mit fast religiöser Feierlichkeit zelebrieren: der Aperitivo. Die Tische werden voller, die Stimmen werden lauter, die Gläser klingen. Was jetzt beginnt, dauert ungefähr zwei Stunden und ist für die meisten Italiener so unverzichtbar wie das Abendessen selbst: der Aperitivo.
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Kein Cocktail. Eher eine Haltung.
Das Wort kommt vom lateinischen aperire – öffnen. Der Magen soll sich öffnen, der Abend soll sich entfalten, das Gespräch sowieso. Die Geschichte beginnt 1786 in Turin, als Antonio Benedetto Carpano seinen Wermut auf den Markt brachte und damit unbeabsichtigt ein nationales Ritual erfand. Seither gilt: Wer ohne Aperitivo ins Abendessen startet, hat irgendetwas falsch verstanden.

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Venedig hat seinen eigenen Weg gefunden. Den Spritz gibt es dort, seit österreichische Soldaten im 19. Jahrhundert den hiesigen Wein mit Wasser streckten. Heute steht er in jeder Bar: Aperol oder Campari, Prosecco, ein Schluck Mineralwasser, eine Olive. Dazu Cicchetti – kleine Happen auf Weißbrot, belegt mit Sardellen, Bacalà oder Garnelen. In Neapel und auf Sizilien stellt die Bar Oliven, Taralli oder Bruschetta zum Aperitivo auf den Tisch. Ohne dass jemand danach fragt oder extra dafür bezahlt. Man trinkt Limoncello Spritz, lokale Kräuterliköre oder ein Glas Primitivo.
Was kommt ins Glas?
Aperol Spritz kennt die ganze Welt. Campari Soda ist die bitterere Variante. Der Negroni kombiniert Campari, Gin und Wermut. Und der Sbagliato ist ein Negroni, bei dem jemand versehentlich Prosecco statt Gin ins Glas goss – sbagliato heißt schlicht: „falsch gemacht“. Wer keinen Alkohol trinkt, nimmt Crodino, ein bitteroranges Getränk, das in Italien fast genauso verbreitet ist wie alles andere. Der Aperitivo dauert zwischen 45 Minuten und zwei Stunden. Er ersetzt keine Mahlzeit, er bereitet sie vor. Wer danach keinen Hunger mehr hat, hat zu viel gegessen. Spätestens um 21 Uhr ist die Bar wieder leer. Italien setzt sich an den Tisch. Die eigentliche Veranstaltung beginnt.
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