Es gibt Städte, die man besucht. Und es gibt Städte, die man betritt wie eine Bühne. Gallipoli gehört zur zweiten Kategorie.
Wer über die schmale Brücke fährt, die die Altstadt mit dem Festland verbindet, spürt: Hier beginnt ein anderer Rhythmus. Das Ionische Meer glitzert in allen Blautönen, Möwen kreisen über den Bastionen, und irgendwo schlägt Metall gegen Metall – ein Fischer repariert seine Netze. Willkommen in „Kallípolis“, der „schönen Stadt“.
Die Griechen in Süditalien
Der Name stammt aus dem Griechischen und verweist auf die antiken Wurzeln Gallipolis. Bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. siedelten hier griechische Kolonisten. Später kamen die Römer, dann Byzantiner, Normannen, Staufer, Anjou und Aragonesen. Jede Epoche hinterließ Spuren – und machte Gallipoli zu dem faszinierenden Geschichtspalimpsest, das es heute ist.
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Eine Stadt wie eine Festung im Meer
Die Altstadt liegt auf einer Kalksteininsel, nur 50 Meter vom Festland entfernt, komplett umgeben von mächtigen Stadtmauern aus dem 16. Jahrhundert. Sie wurden unter aragonesischer Herrschaft errichtet, um die Stadt vor osmanischen Angriffen zu schützen. Tatsächlich versuchten die Osmanen 1484, Gallipoli einzunehmen – mit verheerenden Folgen. Die heutige Wehrarchitektur ist eine direkte Antwort auf diese Bedrohung.
Italien mit griechischen Wurzeln
Adelssitz und Gefängnis
Dominant erhebt sich das Castello Angioino-Aragonese, dessen heutige Form vor allem aus dem 15. Jahrhundert stammt. Fünf massive Türme sichern den Bau, der einst Gefängnis, Militärstützpunkt und Adelssitz war. Heute dient er als Ausstellungsort – und als spektakuläre Kulisse für Sonnenuntergänge, die selbst hartgesottene Reisende sentimental werden lassen.
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Barocke Pracht und unterirdisches Gold
Wer durch die engen Gassen der Altstadt schlendert, sieht: Gallipoli ist nicht nur wehrhaft, sondern auch barock und sinnlich. Der Star unter den Kirchen ist die Cattedrale di Sant’Agata, erbaut im 17. Jahrhundert. Ihre Fassade aus warmem Carparo-Stein leuchtet im Abendlicht wie Honig. Innen überrascht sie mit üppigen Gemälden und dramatischem süditalienischem Barock – ein visuelles Feuerwerk, das zeigt, wie reich die Stadt einst war.
Reich? Und wie.
Im 16. bis 18. Jahrhundert war Gallipoli einer der wichtigsten Exporthäfen für Olivenöl im Mittelmeerraum. Allerdings nicht für die Küche – sondern für die Beleuchtung der europäischen Metropolen. Das „flüssige Gold“ aus Apulien brannte in den Straßenlaternen von London, Paris und Amsterdam. Unter der Altstadt zeugen noch heute Dutzende unterirdische Ölmühlen, die sogenannten frantoi ipogei, von diesem Wirtschaftswunder. In den kühlen, in den Fels gehauenen Räumen arbeiteten Männer und Maultiere monatelang im Halbdunkel. Der Geruch von Öl scheint noch immer in den Wänden zu stecken.
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Zwischen Fischern und Feiernden
Heute leben rund 20.000 Menschen in Gallipoli, im Sommer vervielfacht sich die Zahl durch Besucher aus ganz Italien und zunehmend auch aus dem Ausland. Vor allem junge Italiener pilgern hierher – wegen der Strände, der Clubs und der scheinbar endlosen Nächte. Südlich der Stadt erstreckt sich die Baia Verde, ein mehrere Kilometer langer Sandstrand mit karibisch anmutendem Wasser. Feiner, heller Sand, flaches Meer, Beachbars mit Aperol Spritz – das ist die hedonistische Seite Gallipolis. Nördlich lockt Rivabella, etwas ruhiger, familienfreundlicher, mit Pinienhainen im Rücken.
Und doch: Trotz Sommertrubel bleibt Gallipoli authentisch. Morgens um fünf kehren die Fischer mit ihrem Fang zurück – Doraden, Seezungen, Tintenfische. In der Markthalle wird lautstark verhandelt. In den Trattorien landet der Fang wenige Stunden später als frittura mista oder in einer Pasta mit Ricci (Seeigeln) auf dem Teller. Dazu ein Glas Negroamaro – dunkel, kräftig, salentinisch.
Religiöse Leidenschaft und salentinische Seele
Im Februar kommen feiert die Stadt ihre Schutzpatronin Santa Cristina. Prozessionen ziehen durch die Straßen, Heiligenfiguren werden geschmückt, Blaskapellen spielen. Religion ist hier weniger Dogma als gelebte Tradition – emotional, gemeinschaftlich, süditalienisch. Überhaupt ist Gallipoli ein Spiegel des Salento, jener südlichsten Halbinsel Apuliens zwischen Adria und Ionischem Meer. Hier weht der Scirocco heiß aus Afrika, hier wachsen uralte Olivenbäume mit knorrigen Stämmen wie Skulpturen, hier spricht man neben Italienisch auch noch Griko, einen altgriechischen Dialekt, der an die antiken Wurzeln erinnert.
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Das Licht am Ende des Absatzes
Am späten Nachmittag am Wochenende versammeln sich Einheimische und Besucher auf der Stadtmauer. Kinder schlecken Gelato, Paare lehnen an den Bastionen, alte Männer diskutieren Politik. Dann sinkt die Sonne ins Ionische Meer – ein seltener Anblick in Italien, wo die meisten Küsten nach Osten oder Westen nur einseitig offen sind. . Vielleicht ist es genau dieses Licht, das Gallipoli so besonders macht. Gallipoli ist keine geschniegelt-perfekte Postkartenstadt. Aber schön.
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