Statt geordneter Zypressenalleen, eine wilde Mischung aus Brombeeren, Pinie, Myrte: Das ist die Maremma
De notre rédaction
Die Maremma widerlegt jedes Klischee von der Toskana als Land der perfekten Zypressenalleen und Renaissance-Schlösser.
Die Maremma im Süden der Toskana ist kein polierter Postkartenort, sondern ein raues Stück Italien, wo Staub, Wind und uralte Traditionen die Luft durchdringen. Hier atmet die Landschaft Freiheit – ein Geheimtipp für alle, die mehr wollen als überlaufene Chianti-Weinberge.

Früher malariaverseuchtes Sumpfgebiet
Während der Norden schon mit Florenz und Siena glänzte, war diese wilde Südküste – von Grosseto bis zum Monte Argentario – ein raues, malariaverseuchtes Sumpfgebiet, bis es im 19. Jahrhundert trockengelegt wurde: Heute liegt hier ein 170 km langes Naturschutzgebiet mit über 100.000 Hektar, wo Butteris, die Hirten, und Wildpferde die heimlichen Stars sind.
Agriturismo: Authentische Adressen

Wer die Maremma nicht nur sehen, sondern verstehen will, landet oft irgendwann bei einem Agriturismo. Nicht als „Unterkunft mit Landblick“, sondern als sehr konkrete Art, diese Region zu erleben: ein Hof außerhalb der Orte, ein paar Zimmer, Olivenhaine, Weinreben, manchmal Schafe – und ein Alltag, der sich nicht für Gäste ausdenkt, sondern einfach weiterläuft.
Das Entscheidende ist weniger die Ausstattung als der Rhythmus. Frühstück heißt hier nicht Buffet, sondern Produkte, die aus der Umgebung kommen oder vom Hof selbst: Olivenöl, Käse, Brot, das eher nach Küche als nach Speisesaal riecht.
Tabakfelder: Historische Ernte

Zwischen Talamone und Orbetello gehört Tabak seit Jahrzehnten zur Landschaft – große, rechteckige Felder, die im Sommer ihren eigenen Rhythmus haben: wachsen, reifen, schneiden, trocknen. In der Region wird Tabak seit den 1950er-Jahren industriell verarbeitet. Wer hier unterwegs ist, sieht also nicht nur Strand und Macchia, die immergrüne typische Buschlandschaft sondern auch ein Stück Landwirtschaft, das man in Reiseführern über die Toskana oft übergeht.
In Grosseto werden teils Führungen angeboten, die den Weg vom Rohblatt bis zur Verarbeitung erklären. Und draußen in der Landschaft gibt es Strecken, die als „Tabakweg“ ausgeschildert sind (je nach Abschnitt einige Kilometer, mit moderaten Steigungen). Dazu passt als Kontrastprogramm ein Glas Morellino di Scansano DOCG: der lokale Rotwein aus der Gegend, meist kräftig, mit dunkler Frucht und einer würzigeren, erdigeren Note, die gut zur herberen Seite der Maremma passt.
Strände: Versteckte Spots
An der Küste der Maremma gibt es Strände, die nicht auf den ersten Blick „da“ sind – weil man sie sich erlaufen muss. Cala Violina bei Scarlino gehört in diese Kategorie: eine kleine Bucht mit hellem Sand und klarem Wasser, erreichbar nur zu Fuß (oder per Rad) über einen gut ausgeschilderten Weg durch den Pinienwald.

Cala Violina bei Scarlino ist eine der Buchten, die man sich erlaufen muss: heller Sand, klares Wasser, und der Zugang führt über einen Weg durch den Wald – je nach Startpunkt rund zwanzig Minuten zu Fuß.
Wer statt Bucht lieber Weite will, fährt in den Parco della Maremma nach Marina di Alberese. Der Strand zieht sich kilometerlang, davor Dünen, dahinter ein ausgedehnter Pinienwald – und dazwischen diese stille Zone, in der der Wind mehr zu sagen hat als die Infrastruktur.
Die Maremma ist eine Toskana, die Sie nie erwartet hätten.