Warum Italiener selbst beim Essen übers Essen reden

Pizza in der Altstadt von Neapel

Von unserer Redaktion

Italiener reden viel. Und oft. Und laut. Aber am zuverlässigsten reden sie über eines: Essen. Und zwar ständig. Beim Einkaufen, beim Autofahren, beim Friseur – und ja, auch beim Essen selbst. Man könnte sagen: In Italien wird das Essen nicht nur gegessen, sondern kommentiert wie ein Fußballspiel. Live, emotional, mit Leidenschaft – und meistens von mehreren Seiten gleichzeitig.

Die Standardfrage, mit der jedes Gespräch beginnt, ist nicht „Wie geht’s?“, sondern: „Hai mangiato?“ Hast du gegessen? Das klingt simpel, ist aber viel mehr als Smalltalk. Es ist Fürsorge, Interesse, manchmal auch eine stille Warnung: Wenn du noch nichts gegessen hast, solltest du das dringend nachholen – bevor jemand die Kontrolle über deine Ernährung übernimmt.

agriturismo in kalabrien, perfekt mit italienischen sommerhits 2022
Abendessen mit der ganzen Familie in Kalabrien

Essen ist eine ernste Angelegenheit

Denn Essen ist in Italien keine Randnotiz. Es ist Handlung, Haltung und Herkunft. Es ist so wichtig, dass man auch beim Mittagessen schon über das Abendessen spricht. Und während man das Abendessen plant, wird die Frage gestellt, was es am nächsten Tag geben soll – und warum die Nonna Carolina das sowieso alles besser macht.

Dabei geht es nie einfach nur um das „Was“. Es geht ums „Wie“. Wer hat’s gekocht? Mit welchem Öl? Woher war der Käse? Und war das Brot frisch genug oder hätte es fünf Minuten weniger gebraucht? Das klingt anstrengend – ist aber pure Poesie, wenn man mittendrin sitzt. Weil man merkt: Diese Gespräche haben Seele. Und oft auch Pfeffer.

Essen in Apulien, Essen in Italien, mangiare
Volle Ladung Schoko aus der Pasticceria in Apulien

Essen ist in Italien Kunst

In Süditalien ist das Ganze noch eine Kunstform. Da wird mit der gleichen Leidenschaft über eine Sauce diskutiert wie anderswo über Koalitionsverträge. Zwiebel in der Amatriciana? Reines Drama. Pasta al dente oder lieber ein bisschen länger? Familien können sich daran spalten. Aber keine Sorge – zum Nachtisch versöhnt man sich wieder. Wahrscheinlich mit Tiramisu.

Essen ist hier Identität. Jede Region, jedes Dorf, jede Straße hat ihr eigenes Rezept – und verteidigt es mit Inbrunst. Der beste Mozzarella kommt? Natürlich aus der Region. Aus welcher genau, das hängt davon ab, wen man fragt. Falsch liegt jedenfalls immer: der andere.

Mangiare: Essen in Italien
Einmal gemischte Vorspeisen in Kampanien

Essen ist in Italien Erinnerung

Essen ist nie nur jetzt – es ist immer auch früher. Beim ersten Löffel denkt man an den letzten Urlaub, die Kindheit, die Küche der Großmutter. Essen ist der gemeinsame Nenner eines ganzen Landes. Ein Gedächtnis zum Reinbeißen. In Italien wird beim Essen gegessen. Und geredet. Und gestritten. Und gelacht. Und wieder geredet. Meistens über das, was man gerade isst – manchmal auch schon über das, was es morgen gibt. Und wer mitreden will, sollte vor allem ordentlich gegessen haben.

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