Neapel: Chaos, Kult und Küche am Golf

An den Maradona-Wandbildern im Spanischen Viertel

Die Stadt am Vesuv ist Italiens intensivstes Erlebnis. Neapel ist ein Ort ohne Grautöne.

Wer am Hauptbahnhof Garibaldi aus dem Zug steigt, wird nicht umarmt, sondern überrollt. Neapel ist laut, unübersichtlich und anarchisch. Mopeds nutzen Bürgersteige als Rennstrecke, Ampeln sind unverbindliche Empfehlungen. Doch genau dieses Chaos ist der Takt, in dem die drittgrößte Stadt Italiens seit 3.000 Jahren pulsiert.

Einmal quer durch Neapel

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Spaccanapoli: Der Schnitt durch die Geschichte

Das Herz schlägt im Centro Storico. Die Straße „Spaccanapoli“ teilt die Altstadt wie ein Lineal. Hier blättert der Putz von den Palazzi, während im Inneren barocke Pracht wartet. Neapel versteckt seinen Reichtum nicht, es stapelt ihn. Unten die griechischen Mauern, darüber römische Ruinen, darauf christliche Kirchen. Im „Unterirdischen Neapel“ (Napoli Sotterranea) klettert man 40 Meter in die Tiefe durch Tuffsteinhöhlen und antike Aquädukte. Oben wird währenddessen Diego Maradona gehuldigt wie ein Heiliger. Seine Wandbilder sind unantastbar.

Küche: Religion auf dem Teller

Kulinarisch macht Neapel keine Gefangenen. Die Pizza wurde hier erfunden, und sie duldet keine Diskussion: Der Teig muss weich sein, der Rand (Cornicione) hoch, die Zutaten simpel. Wer bei Da Michele eller Sorbillo isst, wartet lange und sitzt eng, bekommt aber Weltkulturerbe serviert. Doch Neapel ist mehr als Pizza. Es ist die Stadt des Streetfoods. Frittatina di pasta (frittierte Nudelbällchen) oder Pizza a portafoglio (gefaltet für die Hand) gibt es an jeder Ecke für wenige Euro. Der Espresso ist schwarz, stark und gesüßt – ein Treibstoff, kein Genussmittel.

Die Lage: Leben auf dem Pulverfass

Die Schönheit Neapels ist dramatisch, fast bedrohlich. Der Golf breitet sich wie ein Amphitheater aus, dominiert vom Vesuv. Der Vulkan ist der stumme Riese im Hintergrund, der Pompeji und Herculaneum vor 2.000 Jahren konservierte – heute zwei der wichtigsten archäologischen Stätten der Welt und nur eine kurze Zugfahrt mit der Circumvesuviana entfernt.

Wer dem städtischen Kessel entfliehen will, nimmt die Fähre. In Sichtweite liegen die Inseln: Das mondäne Capri mit seinen Felsen, das grüne Ischia mit seinen Thermen und das bunte Procida, Kulturhauptstadt und Instagram-Liebling.

Neapel ist nicht sauber wie Mailand und nicht museal wie Florenz. Es ist ungeschminkt. Die Stadt fordert ihre Besucher heraus. Wer sich auf den Lärm und die Unmittelbarkeit einlässt, erlebt Italien in seiner reinsten Form. Und versteht am Ende, warum der Abschied so schwerfällt.

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