Dolce Vita kennt jeder – aber was ist mit Sprezzatura?

Knapp 40 Grad, Luftfeuchtigkeit 50 Prozent, Blitzlichtgewitter – und trotzdem wirkt das italiensiche Model Francesca Sofia Novello tiefenentspannt – das ist Sprezzatura!

Von unserer Redaktion

Ein kleines Stil-Manifest aus dem Land, in dem Lässigkeit zur Kunstform wurde.

Italien und das Dolce Vita – das ist ein Begriffspaar wie Pasta und Pomodoro, wie Vespa und Via Appia. Jeder Tourist, der je mit einer Sonnenbrille durch Rom geschlendert ist, hat das Lebensgefühl zumindest zu erahnen versucht: süßes Nichtstun, ein Cappuccino auf der Piazza, ein Lächeln von der Signora am Nebentisch. Dolce Vita, das ist das Offensichtliche. Aber es gibt eine zweite italienische Lebenskunst, die subtiler, tiefer – und vielleicht sogar noch faszinierender ist: die Sprezzatura.

Die quasi angeborene italienische Lässigkeit - hier in der Familienversion: eine Familie auf dem Roller
Die angeborene italienische Lässigkeit – hier in der Familienversion in Neaepel

Was heißt Sprezzatura?

Der Begriff klingt, als könnte man ihn sich leicht auf der Zunge zergehen lassen – und genau das tut er. Doch Sprezzatura ist nicht einfach nur ein Wort, sondern eine Haltung. Geprägt wurde es im 16. Jahrhundert vom italienischen Schriftsteller Baldassare Castiglione, der in seinem Werk Il Cortegiano – „Das Buch vom Hofmann“ – empfahl, alles mit „gewisser Nonchalance“ zu tun: also so, als wäre es ganz mühelos, selbst wenn es in Wahrheit höchste Kunst und Konzentration erfordert.

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Die Eleganz des Unangestrengten

Abends unterwegs in Florenz
Abends unterwegs in Florenz

„Sprezzatura“ ist der feine Unterschied zwischen gut angezogen und stilvoll. Zwischen einstudiertem Charme und natürlicher Anziehung. Zwischen dem inszenierten Foto und dem perfekten Schnappschuss, der einfach passiert. Ein Mann in Mailand, der sein Sakko lässig über die Schulter wirft – das ist Sprezzatura. Eine Frau in Neapel, die auf High Heels durch das Gassengewirr balanciert, ohne einen Blick zu verlieren – auch das.

Es ist das Geheimnis der Italiener:innen, immer ein bisschen so auszusehen, als hätten sie sich nicht viel Mühe gegeben. Und gerade deshalb so mühelos schön zu wirken.

Sprezzatura ist keine Nachlässigkeit

Wichtig ist: Sprezzatura hat nichts mit Gleichgültigkeit zu tun. Sie ist das Gegenteil von Schlampigkeit. Es geht nicht darum, keine Mühe zu investieren – sondern darum, die Mühe unsichtbar zu machen. Wer ein perfekt abgestimmtes Outfit trägt, das aussieht, als sei es zufällig entstanden, hat verstanden, worum es geht. Wer seine Gäste mit scheinbar improvisierten, aber perfekt abgestimmten Antipasti überrascht – auch. Es ist eine Form von Raffinesse, die sich hinter dem Schein der Lässigkeit verbirgt.

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Dolce Vita ist das Ziel, Sprezzatura der Weg

Man könnte sagen: Dolce Vita ist der Zustand. Sprezzatura ist die Technik. Die Kunst, das Leben leicht wirken zu lassen, auch wenn es manchmal schwer ist. Wer das beherrscht, braucht keine perfekten Instagram-Filter mehr – denn das Lebensgefühl ist bereits in der Haltung.

Und wie lernt man das?

Die schlechte Nachricht: Sprezzatura kann man nicht ganz lernen wie Vokabeln. Die gute: Man kann sich ihr annähern. Indem man aufhört, sich zu verkleiden. Indem man beginnt, seinen Stil zu finden – nicht im Sinne von Mode, sondern als Ausdruck der eigenen Haltung. Wer mit offenen Augen durch Italien reist, sieht Sprezzatura überall: in der Geste des Barista, im Tuch des Markthändlers, im Lächeln einer Großmutter. Es ist kein Look. Es ist ein Lebensstil. Und wie so vieles in Italien: nicht zum Angeben, sondern zum Genießen.

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