Poveglia: Die Geisterinsel in der Lagune von Venedig

Poveglia ist die vermutlich unheimlichste Insel Italiens Foto: stock.adobe.com/ImagoDens

Von unserer Redaktion

Nur wenige Kilometer von Venedig liegt eine Insel, die nicht ins romantische Bild der Lagune passt: Poveglia. Verlassen, verfallen, verflucht?

Was heute aussieht wie ein überwucherter Lost Place, war einst ein Ort des Sterbens, des Leidens – und der Angst. Das Betreten ist offiziell nicht erlaubt – die Insel steht unter staatlicher Kontrolle. Wer trotzdem hinfährt, tut dies illegal oder mit einer der wenigen Ausnahmegenehmigungen. Die Küstenwache patrouilliert regelmäßig.

Ein Ort mit schwerem Erbe

Das Lazarett auf der Geisterinsel von Venedig
Die verrosteten Betten des Lazaretts stehen noch
Foto: stock.adobe.com/ James/Wirestock

Poveglia liegt zwischen dem Lido di Venezia und der Einfahrt zum Hafen von Malamocco. Nur rund 7,5 Hektar ist die Insel groß – und doch trägt sie mehr Geschichte in sich als manch venezianischer Palast. Bereits im Mittelalter wurde sie bewohnt, fiel jedoch immer wieder Katastrophen und politischen Wirren zum Opfer. Seit Jahrhunderten haftet ihr ein Ruf des Unheils an – und dieser hat mit der Pest begonnen.

Denn als die große Seuche Europa im 16. Jahrhundert heimsuchte, wurde Poveglia zur Quarantänestation. Die venezianische Republik hatte erkannt, wie gefährlich der Handel mit dem Orient sein konnte – und ließ potenziell Infizierte auf Inseln wie Poveglia isolieren. Tausende starben hier, oft in Massenlagern, ohne medizinische Hilfe, fern ihrer Familien. Man begrub sie vor Ort, verbrannte Leichen – oder ließ sie schlicht liegen. Bis heute, so erzählen lokale Fischer, fördert der schlammige Boden manchmal menschliche Knochen zutage.

Rundgang durch Venedig

Das Lazzaretto der Verstoßenen

Im 18. Jahrhundert wurde die Insel offiziell zum „Lazzaretto nuovo“ erklärt, einer Art Gesundheitsstation für Seuchenkranke. Wer aus verdächtigen Gebieten kam – etwa dem Nahen Osten, Nordafrika oder Südfrankreich –, wurde hier untergebracht. Die Gebäude, die man damals errichtete, stehen zum Teil noch heute: das Hauptgebäude der Quarantänestation, der Glockenturm der ehemaligen Kirche San Vitale und einige Wirtschaftsgebäude.

1793 wurde ein Gedenkstein errichtet – mit der lateinischen Inschrift: „Ne fodias – vita functi contagio requiescunt“, sinngemäß: „Grabe nicht – hier ruhen die an Ansteckung Verstorbenen“. Mehr Warnung als Trost.

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Ein Kapitel aus dem Irrenhaus

Als wäre das nicht schon düster genug, wurde Poveglia im 20. Jahrhundert noch einmal Schauplatz menschlicher Tragödien. Von 1922 bis 1968 betrieb die Stadt Venedig hier eine psychiatrische Einrichtung. Was genau hinter den Mauern geschah, ist nicht dokumentiert – aber lokale Erzählungen berichten von Misshandlungen, Experimenten, Lobotomien. Ein Arzt, so die Legende, habe selbst den Verstand verloren und sich vom Turm gestürzt. Ob das stimmt? Niemand weiß es. Aber das Bild brennt sich ein.

Seit der Schließung des Krankenhauses 1968 verfällt die Insel. Die Gebäude stehen leer, Fenster sind zerbrochen, Bäume wachsen durch Dachstühle. Betreten ist offiziell verboten – nicht nur wegen Einsturzgefahr, sondern auch wegen ihres Rufs: Die „Isola dei Morti“, wie sie manche nennen, gilt bis heute als verflucht. Paranormale Fernsehteams haben sie besucht, YouTuber heimlich gefilmt. Doch die morbide Faszination bleibt diffus.

Ein missglückter Verkauf

2014 versuchte der italienische Staat, die Insel im Rahmen einer Auktion zu verpachten – für 99 Jahre. Mindestgebot: 10.000 Euro. Es war ein Experiment, ein Versuch, einen problematischen Ort in Wert zu setzen. Doch als Unternehmer Luigi Brugnaro (später Bürgermeister von Venedig) 513.000 Euro bot, lehnte der Staat ab – zu niedrig, zu wenig Potential. Gleichzeitig gründete sich die Initiative Poveglia per tutti („Poveglia für alle“) mit dem Ziel, die Insel zu erhalten und öffentlich zugänglich zu machen. Bis heute ist nichts daraus geworden.

Was bleibt?

Poveglia bleibt ein Ort des Schreckens – und der Spekulation. Historiker sehen darin ein Mahnmal gegen das Vergessen, Touristen einen Lost Place mit Gänsehautgarantie. Für die Venezianer:innen selbst aber ist die Insel vor allem eines: ein blinder Fleck in der Lagune. Zu nah, um sie zu ignorieren. Zu dunkel, um sie sich zurückzuwünschen.

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