Sonnenuntergang am Strand von Manfredonia – mit Hund Photo by Markus Eymann on Pexels.com
Von unserer Redaktion
Sie gehören niemandem – und gleichzeitig allen.
In vielen Städten und Dörfern Italiens, besonders im Süden, gehören sie zum Straßenbild wie Espressobars und Pinien: Hunde, die scheinbar herrenlos durch die Gassen streifen, sich auf Marktplätzen ausruhen oder Schulwege begleiten. Was Tourist:innen mitunter erstaunt, ist in Wahrheit ein sozial und gesetzlich verankertes Modell: die „Cane di quartiere“, die „Nachbarschaftshunde“, die Teil der Gemeinschaft subd
Was sind „Cani di quartiere“?
„Cani di quartiere“ sind frei lebende Hunde, die offiziell von lokalen Bürger:innen, Tierschutzvereinen oder öffentlichen Einrichtungen betreut werden. Sie leben auf der Straße, werden aber medizinisch versorgt, kastriert, gechippt und in das kommunale Hunderegister mit einer ehrenamtlichen Betreuungsperson eingetragen.
Diese Hunde zeigen kein aggressives Verhalten und gelten als sozial verträglich. Ziel des Modells ist es, diesen Hunden ein freies Leben zu ermöglichen – kontrolliert, aber nicht eingesperrt. Die rechtliche Basis für das Modell der „Nachbarschaftshunde“ wurde 2001 durch eine Ministerialverordnung geschaffen. Die Kosten für medizinische Versorgung und Verwaltung übernimmt der öffentliche Gesundheitsdienst, die tägliche Betreuung – Futter, Wasser, Unterschlupf, tierärztliche Kontrolle – erfolgt durch Ehrenamtliche. Ein Halsband dient oft zur Unterscheidung von nicht betreuten Streunern.
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Zwischen Empathie und Verwaltungspraxis
Die Legende unter den italienischen Nachbarschaftshunden ist der Maremmno-Mischlung Henry aus Bari. Die ganze apulische Hauptstadt hatte ihn quasi adoptiert. Sein Stammplatz war auf der Piazza, er war offiziell registriert, hatte eine eigene Facebook-Gruppe und bekam regelmäßig Besuch vom Tierarzt. Der musste ihn sogar zwischenzeitlich auf Diät setzen, Henry die 75 Kilo erreichte. Als der Hirtenhund am 10. Juli 2022 eines natürlichen Todes starb, war viele Menschen seiner Heimatstadt betroffen. Ihm wurde ein riesiges Gemälde an einer Häuserwand: der Hirtenhund mit Begleitung eines Fischer auf einem Boot.
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Ein Modell mit wirtschaftlichem Mehrwert
Der Ansatz ist nicht nur aus Tierschutzsicht interessant – sondern auch wirtschaftlich relevant. Denn jeder Hund in einem Tierheim kostet die öffentliche Hand im Schnitt rund 7.000 Euro pro Jahr. Hochgerechnet auf tausende Tiere entstehen jährlich Kosten in Millionenhöhe. Allein durch frei laufende, nicht registrierte Hunde fallen laut Schätzungen 80 bis 100 Millionen Euro jährlich an Belastung für Gemeinden und Regionen an.
Die meisten Cani di quartiere, 49,4 Prozent, werden in Norditalien (Piemont, Lombardei, Venetien, Friaul-Julisch Venetien) betreut, gefolgt von Süditalien und den Inseln mit 42,5 Prozent und nur etwa 8 Prozent in Mittelitalien (Toskana, Umbrien, Latium). Die drei italienischen Gemeinden mit den meisten registrierten Nachbarschaftshunden sind Nardò in Apulien mit 193 Hunden bei 30.000 Einwohner:innen, San Pietro Apostolo in Kalabrien mit 122 Hunden bei knapp 1500 Einwohner:innen und Oristano auf Sardinien mit 120 Hunden bei ebenfalls etwa 30.000 Einwohner:innen.

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Erfolge und Herausforderungen
Laut aktuellen Zahlen wurden 9 von 10 eingefangenen Hunden in Italien entweder ihren Besitzer:innen zurückgegeben, zur Adoption freigegeben oder – wenn geeignet – als „Cani di quartiere“ wieder in die Freiheit entlassen. Das Modell trägt zur Entlastung der überfüllten Tierheime bei, aber funktioniert nur dort, wo Engagement, Organisation und sozialer Zusammenhalt vorhanden sind.
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