Der Italien-Urlaub beginnt am Autogrill: Geschichte eines Mythos

Legendäre Raststätten über der Autobahn

Von unserer Redaktion

Der Moment, in dem der Italien-Urlaub wirklich beginnt, ist der erste Halt am Autogrill. Ein erster Stopp zwischen Fiat, Fernweh und Focaccia

Nicht irgendeine Raststätte. Sondern diese eine, die aussieht wie ein futuristischer Waschsalon oder ein Flughafenterminal aus den 1960er Jahren. Viel Stahl und noch mehr Glas. Die schon von Weitem verspricht: Hier gibt’s Caffè. Und Panini. Und ein Stück Italien, bevor man den Motor abgestellt hat. Was heute kaum noch jemand weiß: Die italienische Autobahn-Legende fing mal mit Keksen an.

Unterwegs in Italien – ein Stopp am Autogrill gehört in der Regel dazu
Unterwegs in Italien – ein Stopp am Autogrill gehört in der Regel dazu

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Als der Caffè noch ein Marketing-Gag war

Die Geschichte der italienischen Kult-Gaststätte beginnt Ende der 1940er Jahre, genau gesagt im Jahr 1947. Das Land ist noch vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet, Italien hat mehr Ochsenkarren als Autos – die Autobahnen sind leer. Trotzdem hat ein Bäckerssohn aus Novara eine Idee. Mario Pavesi stellt einen kleinen Kiosk an die Autobahn Mailand–Turin auf, damals eine träge Betonader in der norditalienischen Ebene. Dort, nahe der Mautstelle bei Novara, verkauft er seine Pavesini-Kekse. Dazu ein Espresso. Ein paar Tische, ein paar Sessel, ein Vordach gegen die Sonne. Das Ganze ist gedacht als Werbungfür die familieneigene Keksfabrik.

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Mit Aussicht auf die Überholspur

Ende der 1950er ist Italien im Aufbruch – im doppelten Sinn. Es wird gebaut, produziert, gefahren. Und gegessen. Aus dem kleinen Kiosk wurde eine überdachte Halle, dann ein Restaurant, dann ein richtiger Stopp mit Bar, Küche, Ladenlokal. Immer mehr Leute haben ein Auto – und müssen irgendwo anhalten. Mario Pavesi ist zur richtigen Zeit am richtigen Asphalt. Was als Schaufenster beginnt, wird zur Blaupause für ein damals neues Konzept: ein Ort, wo der Verkehr stoppt und die Konsumgesellschaft beginnt.

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Unterwegs in der Toskana auf der Autobahn
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Das erste Brückenrestaurant Europas

Mit wachsendem Erfolg kommen die Nachahmer: Motta und Alemagna, zwei Schwergewichte aus dem Mailänder Lebensmittel-Adel mischen auch mit. Die Autogrill-Restaurants sind die ersten, die ein neuartiges Einkaufserlebnis bieten: die Möglichkeit, aus einer breiten Palette von Produkten zu wählen, die in den ersten Fernsehsendungen beworben werden.

Der Pavesi-Grill reagiert auf die Mitbewerber spektakulär: 1959 entstand bei Fiorenzuola d’Arda das erste Brückenrestaurant Europas. Ein gläserner Kasten auf Stelzen, quer über der Autobahn, Stahl und Sichtbeton, entworfen von Architekt Angelo Bianchetti. 1961 legt Motta-Grill in Cantagallo nach: ein Koloss auf der „Autostrada del Sole“ bei Bologna und Florenz, wo man Sonntagsmittag einkehrt, um Lasagne zu essen und durch die Glaswände die Autos unter sich vorbeirasen zu sehen.

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Die neue Mittelschicht ist stolz auf ihre Autos und ihre Urlaubspläne. Der Autogrill ist das Scharnier zwischen Zuhause und Abenteuer. Zwischen Alltag und Küste. Mit der Ölkrise kommt der Knick. Die drei großen Ketten – Pavesi, Motta, Alemagna – geraten ins Schlingern. Der Staat übernahm. 1977 wurden sie unter dem Namen Autogrill S.p.A. zusammengeführt. Ein pragmatischer Schritt, um das System zu retten – und gleichzeitig der Beginn einer neuen Ära.

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In den 80ern war der Autogrill wieder in Hochform. Italien erlebte seinen zweiten wirtschaftlichen Frühling. Der neue Wohlstand hatte Appetit – und der Autogrill stillte ihn mit Barilla-Pasta, Ciao-Bistros, Spizzico-Snackbars und VHS-Kassetten zum Mitnehmen. Man trank Sanbittèr, kaufte Campari, und wer dringend Geschenke brauchte, nahm Parmigiano in Geschenkverpackung.

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Dann wurde expandiert: Frankreich, Spanien, Benelux, USA. Mit dem Kauf des US-Gastro-Konzerns HMSHost kam der Schritt in die Flughäfen – und plötzlich servierte der italienische Raststättenpionier Sandwiches an Gates in Atlanta, Amsterdam und Abu Dhabi.

Und heute?

Heute gibt’s in Italien noch rund 400 Autogrills. Manche sehen aus wie Design-Hotels, andere wie Zeitkapseln mit Neonröhren. Manche haben Bio-Panini mit Chia-Samen. Aber dieser erste Espresso hinter der Grenze ist etwas, das man nicht googeln kann. Manchmal ist es nicht der Strand ist, der für Urlaubsgefühle sorgt, sondern der Caffè an der Autobahn.

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